{"id":343,"date":"2011-01-31T16:47:31","date_gmt":"2011-01-31T15:47:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ulrich-heister.de\/ichfrei\/?p=343"},"modified":"2018-04-24T14:28:30","modified_gmt":"2018-04-24T12:28:30","slug":"das-ego","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ulrich-heister.de\/bewusstseinsblog\/das-ego\/","title":{"rendered":"Das Ego"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben, im letzten Artikel kam das Ego nicht so gut weg. Es stimmt, wenn wir Probleme haben, hat es mit ihm zu tun. Aber wer ein Ego hat, muss nicht automatisch Probleme haben. Jeder hat eines und er kann es niemals loswerden. Es ist nicht der Buhmann. Die Komplikationen haben einen anderen Grund. Betrachten wir zun\u00e4chst einmal, was das Ego ist und warum es so schlecht da steht.<\/p>\n<p><!--more-->Wie schon gesagt, jeder Mensch hat ein Ego, ein Ich oder ein Selbst. Die Begriffe sind austauschbar, Wortklauber m\u00f6gen mir diese Unsch\u00e4rfe nachsehen. Jeder braucht eines, denn es ist sozusagen der Container unserer Pers\u00f6nlichkeit. Das eine Ego mag ausgepr\u00e4gter als das andere sein, doch jeder Mensch hat Pers\u00f6nlichkeit, egal wie dumm, gekl\u00e4rt, erleuchtet oder fortgeschritten er sein mag.<\/p>\n<p>Das Ego ist die Summe aller unserer \u00dcberzeugungen. Eine \u00dcberzeugung ist ein Glaubenssatz, den wir f\u00fcr wahr halten. Zum Beispiel: \u201eDas Leben ist gut zu mir.\u201c oder \u201eAlles geht schief.\u201c und nat\u00fcrlich viele, viele mehr. Wir haben sie im Laufe unseres Lebens gesammelt und sie uns freiwillig oder aus Leidensdruck zu Eigen gemacht. Kultur, Pr\u00e4gung, Erziehung, Indoktrination, Ausbildung, Erfahrungen, Entscheidungen, Menschen, die wir ablehnten oder bewunderten waren dabei unsere Inspiration.<\/p>\n<p>Aus diesen \u00dcberzeugungen entstehen unsere Meinungen, Haltungen, Bewertungen, Standpunkte, unser Denken und Handeln. Sogar unsere Wahrnehmung h\u00e4ngt von ihnen ab. Sie sind so etwas wie ein Programm, eine Software, die uns steuert. Einige dieser Programme sind uns bewusst, andere nicht. Unabh\u00e4ngig davon sind sie wirksam.<\/p>\n<p>Das Ego hat sie gesammelt, weil es uns gut gehen soll. Es hat also eigentlich eine positive Funktion. Es sch\u00fctzt uns davor, Handlungen zu wiederholen, die uns schadeten und automatisiert Reaktionen auf Standardvorg\u00e4nge, damit wir Aufmerksamkeit f\u00fcr andere Dinge frei haben.<\/p>\n<p>Alles w\u00e4re soweit in Ordnung, wenn wir nicht davon \u00fcberzeugt w\u00e4ren, unser Ego zu sein. Diese Grundsatzentscheidung gibt ihm eine Macht, die seine Zust\u00e4ndigkeit vergr\u00f6\u00dfert und zu Kompetenz\u00fcberschreitungen f\u00fchrt. Eine Schutz- und Hilfsfunktion wird damit zur Steuerzentrale.<\/p>\n<p>Es wendet Verhaltensweisen, die es in der Vergangenheit gelernt hat, auf die Gegenwart an. Wir nehmen dadurch nicht wahr, was im Moment tats\u00e4chlich ist. Begegnen wir einem Menschen, der uns an jemanden aus unserer Vergangenheit erinnert, verhalten wir uns ihm gegen\u00fcber unseren alten Mustern entsprechend. Die Nachbarin wird vielleicht bewertet, wie die aufdringliche Tante Elvira, die wir fr\u00fcher gar nicht gemocht haben. Oder der Partner wird aufgrund von Eigenschaften ausgew\u00e4hlt, die wir schon beim Vater toll fanden.<\/p>\n<p>Das Ego versucht die Vergangenheit immer wieder neu zu erschaffen. Kennen Sie es von sich, dass sich bestimmte Dinge im Leben zu wiederholen scheinen? Das Bekannte ist sicher und vertraut. Wir bevorzugen, was mir kennen und gehen dem Unbekannten, das m\u00f6glicherweise eine Herausforderung bedeutet, aus dem Weg. Das f\u00fchrt dazu, dass wir Lebendigkeit verlieren und nicht mitbekommen, was tats\u00e4chlich geschieht. Au\u00dferdem sind wir darin eingeschr\u00e4nkt, frei eine angemessene Verhaltensweise zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Bezogen auf die Zukunft ist das Ego ebenfalls aktiv. Es projiziert unsere Erwartungen, Sorgen und \u00c4ngste auf das, was vor uns liegt. Zuk\u00fcnftige Ereignisse werden mit negativen oder positiven Gef\u00fchlen verkn\u00fcpft, die dem, was dann wirklich geschieht gar nicht entsprechen. Wir nehmen vorweg, was noch gar nicht ist. Angst vor Pr\u00fcfungen, Vorfreude auf den Urlaub oder die Sorge, das gleiche Desaster zu erleben, was wir in einer \u00e4hnlichen Situation schon einmal erlebt hatten.<\/p>\n<p>Vergangenheit und Zukunft existieren nicht. Wir leben immer im gegenw\u00e4rtigen Moment. Niemand hat je in der Vergangenheit oder Zukunft gehandelt. In der Gegenwart erinnern wir uns an die Verletzung aus der Vergangenheit oder malen uns aus, wie die Zukunft sein wird. So erschaffen Gedanken Zeit und hindern uns daran zu erleben, was jetzt gerade ist. Wir leben in einer Gedankenwelt, statt den frischen, unmittelbaren, nie dagewesenen Moment zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es uns \u00fcbersch\u00fctzt erleiden wir herbe Realit\u00e4tsverluste und es erzeugt Automatismen, die unsere Spontanit\u00e4t und Lebendigkeit sabotieren. Ein sinnvolles Prinzip wendet sich gegen uns. Wir erm\u00e4chtigen es durch den fahrl\u00e4ssigen Gedanken, dass wir das Ego, die Person, seien. Wir haben es so von anderen vorgemacht bekommen, es ist so \u00fcblich. Wir haben es nachgemacht. Daher ist es normal. Schauen Sie sich in der Welt um, wohin uns diese Identifikation gebracht hat.<\/p>\n<p>Die Substanz des Egos ist lediglich ein Gedanke: \u201eIch bin (hier bitte Ihren Namen einsetzen)\u201c. Das Ego \u201ewei\u00df\u201c um die Fl\u00fcchtigkeit dessen, woraus es gemacht ist. Es ist bestrebt sich zu erhalten. Wie jedes Gesch\u00f6pf, erschaffen aus unserer Gedankenkraft, k\u00e4mpft es raffiniert und engagiert um sein \u00dcberleben. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ohne sich mit seiner Person zu identifizieren lebt es sich viel besser und leichter.<\/p>\n<p>Das Ego ist ein selbsterhaltendes System. Aus seinen Erfahrungen der Vergangenheit und den Projektionen in die Zukunft erzeugt es angstvolle Gedanken. Gleichzeitig versucht es mit dem Verstand, der sein Werkzeug ist, L\u00f6sungen f\u00fcr diese Schwierigkeiten zu finden. Es liefert Probleme und gleich die L\u00f6sungen dazu. Scheinbar. Auf diese Weise verfestigt es unseren Glauben an uns als Person und das Ego erh\u00e4lt seine dringend ben\u00f6tigte Existenzberechtigung.<\/p>\n<p>Verstehen, Aufregung und Recht haben sind die Mittel die das Ego n\u00e4hren. Verstehen, wie zum Beispiel Klatsch, Wissenschaften oder Insiderwissen, ist ein Instrument der Kontrolle. Wissen ist eben Macht. Aufregung gibt Wichtigkeit und ein Gef\u00fchl der Lebendigkeit. Erlebnisse, sozialer Status, Erfolg, Misserfolg, Ruhm, Unterhaltung, Sport, Sex, Streit und so weiter sind M\u00f6glichkeiten, die Pers\u00f6nlichkeit zu definieren. Sie wichtig, anders und interessant zu machen.<\/p>\n<p>Recht zu haben mit Meinungen, Haltungen und \u00dcberzeugungen liefert unmittelbare Selbstbest\u00e4tigung. Dabei spielt es keine Rolle ob die Aussage objektiv richtig ist. Das Ego legt sich sein Glaubenssystem zurecht wie es n\u00f6tig ist, um die Behauptung zu st\u00fctzen. Das gilt f\u00fcr L\u00fcgner, Politiker und Wissenschaftler gleicherma\u00dfen, eigentlich f\u00fcr alle, die denken eine Person zu sein. Alle Aussagen gr\u00fcnden letztendlich auf Annahmen, die recht beliebig sind. Machen sie den Versuch und fragen Sie sich zu allen m\u00f6glichen Dingen: Kann ich wirklich wissen, dass das wahr ist?<\/p>\n<p>Hinter all diesen Ego-Spielen steht letztendlich der Hunger nach Anerkennung und Bedeutung, die die Person f\u00fcr seine Existenz ben\u00f6tigt, weil sie selbst wei\u00df, wie sehr zerbrechlich sie ist. Die meisten Selbstdefinitionen beginnen mit \u201eIch bin\u2026\u201c oder \u201eIch habe\u2026\u201c. Haben Sie bei sich selber schon einmal beobachtet, dass sich \u00dcberzeugungen, Meinungen und Haltungen ge\u00e4ndert haben? Ja sogar in das Gegenteil? Die Person ist st\u00e4ndigen Wandlungen unterworfen. Nichts an ihr ist stabil oder bietet einen verl\u00e4sslichen Bezugspunkt, auch wenn wir es vielleicht gerne so h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Um sich ein derzeitiges Bild von sich selber zu machen, nehmen Sie sich vielleicht ein paar Minuten Zeit und vervollst\u00e4ndigen Sie die S\u00e4tze \u201eIch bin\u2026\u201c und \u201eIch habe\u2026\u201c in Gedanken, oder besser auf dem Papier, bezogen auf alle erdenklichen Lebensbereiche:\u00a0 Gesundheit, K\u00f6rper, Beziehung\/Familie, Qualifikation, Beruf, sozialer Status, Finanzen, Politik, Besitz, Werte, Kultur, Einstellungen, Geschlecht, Sexualit\u00e4t, Interessen, Hobbies, Talente, F\u00e4higkeiten. Sie k\u00f6nnen diese Liste nach Belieben verl\u00e4ngern. Nat\u00fcrlich sind zu jedem Bereich Mehrfachnennungen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Haben Sie diese Liste gemacht? Wenn ja, d\u00fcrfte sie sehr lang geworden sein. Das wirklich wichtige und interessante dabei ist, dass diese Selbstdefinitionen, das \u201eIch bin\u2026\u201c gleichzeitig ein \u201eIch bin nicht\u2026\u201c mit sich bringt. Ganz automatisch. Das hei\u00dft also, dass das Ego eine Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich zieht. Wenn ich dies bin, kann ich nicht das andere sein. Wenn ich dies mag, mag ich jenes nicht. Das ist wichtig, um mich als Person in der Welt zu definieren und das schafft Trennung.<\/p>\n<p>Neben dem Ringen nach Bedeutung ist die Trennung ein weiteres Ego-Dilemma. Der Mensch m\u00f6chte dazu geh\u00f6ren. Es sei denn, er ist traumatisiert oder er hat aufgrund von Erfahrungen Pers\u00f6nlichkeitsanteile entwickelt, die Einsamkeit als Vorteil betrachten. Dies sind Muster, die sich \u00fcber das urspr\u00fcngliche Bed\u00fcrfnis legen, das im Untergrund weiterbesteht.<\/p>\n<p>Es sind die Gedanken, d.h. der Verstand, die Trennung erzeugen. Der Mensch ist in eine wohlmeinende Ganzheit eingebettet, der er nicht entfliehen, die er aber mit seinen Gedanken ausblenden kann. Ich bin dies und nicht das. Das ist der Grundgedanke. Er trennt sich und die Ganzheit fehlt ihm. Und ob er es wei\u00df oder nicht, er sucht st\u00e4ndig danach. Meist nimmt er gar nicht mehr wahr, dass sein ganzes Sein darauf ausgerichtet ist.<\/p>\n<p>Diese L\u00fccke, die die verlorene Einheit hinterl\u00e4sst versucht er zu \u00fcberbr\u00fccken. Die unterschiedlichsten Glaubenssysteme (Gedankenwerke) entstehen zu diesem Zweck: Religionen, Selbsterfahrung, Therapien, Esoterik, Meditationen, Philosophien oder Wissenschaften. Irgendwo muss doch zu finden sein, was tief im Inneren vermisst wird. Das Loch, das Gedanken gerissen haben, versucht er mit Gedanken zu f\u00fcllen. Das klappt nicht.<\/p>\n<p>Das dritte Paradigma schafft bez\u00fcglich dieser Ego-Themen eine enorme Erleichterung, da es diese ungl\u00fcckliche R\u00fcckkopplungen aufl\u00f6st, ohne dass das Ego bek\u00e4mpft oder aufgegeben werden muss. Die getrennte Person geh\u00f6rt zur Ganzheit, sie ist ein Teil von ihr, wie die Geschichten, die sich durch sie und um sie herum entfalten. Es ist das ewige Spiel des Lebens. W\u00fcrden diese Spiele funktionieren, wenn wir uns ihnen nicht mit dieser Ernsthaftigkeit hingeben w\u00fcrden? Wenn wir diese Vorstellungen als Illusion durchschauen w\u00fcrden? Nein. Wir lebten in einer Welt, in der sich Dinge ereignen w\u00fcrden, die weit \u00fcber das hinaus gingen, wovon wir heute tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Das erste Paradigma ist vom Ego dominiert. Aus diesem Grund haben wir uns so ausf\u00fchrlich mit ihm besch\u00e4ftigt. Im zweiten Paradigma wird es als das, was es ist, erkannt. Ganz neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, im letzten Artikel kam das Ego nicht so gut weg. Es stimmt, wenn wir Probleme haben, hat es mit ihm zu tun. Aber wer ein Ego hat, muss nicht automatisch Probleme haben. Jeder hat eines und er kann es niemals loswerden. Es ist nicht der Buhmann. Die Komplikationen haben einen anderen Grund. 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