{"id":450,"date":"2011-04-22T15:18:39","date_gmt":"2011-04-22T14:18:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ulrich-heister.de\/ichfrei\/?p=450"},"modified":"2018-04-24T14:28:26","modified_gmt":"2018-04-24T12:28:26","slug":"annaherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ulrich-heister.de\/bewusstseinsblog\/annaherung\/","title":{"rendered":"Ann\u00e4herung"},"content":{"rendered":"<p>Wie wir im letzten Artikel gesehen haben, hat die Person es nicht im Griff Befreiung zu erreichen. Die Person, es ist ihre Natur, versteht sich von ihrer Umwelt getrennt. Sie kann nicht anders. Dieser Umstand ist, wie die Person selber, eine Vorstellung, ein Gedanke, eine Idee. Mehr nicht. Wie kann denn nun diese so fest zementierte Verwicklung durchschaut werden? Wie k\u00f6nnen Sie erkennen, was Sie wirklich sind, oder sich dem wenigstens ann\u00e4hern?<\/p>\n<p><!--more-->Menschen wenden sich Religionen zu, gehen auf eine spirituelle Suche, besuchen Selbsterfahrungsseminare, nehmen jahrelang Therapiesitzungen und tun die abgedrehtesten Dinge, um sich selbst zu finden oder um herauszufinden, was das Ganze hier soll. So, wie ich es auch tat. Wir neigen dazu, Erkl\u00e4rungen zu suchen, damit wir die Geschehnisse um uns herum kontrollieren k\u00f6nnen und der verletzlichen Person die wir sind, Sicherheit zu geben. Erstaunliche und hochinteressante philosophische, wissenschaftliche, esoterische oder religi\u00f6se Modelle entstehen, die den Verstand\u00a0 zufrieden stellen sollen. Ganze Kulturen gr\u00fcnden auf ihnen. Sie sind Abstraktionen, die mit dem, was wirklich ist, nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Was wirklich ist, was wir wirklich sind, ist ganz offensichtlich. Wir wissen es und haben es immer gewusst, nur vergessen zu sehen. Wir brauchen keine gedanklichen Konstruktionen, um es wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Diese sind eher hinderlich. Es geht ganz leicht und jederzeit. Wir brauchen nur zu sehen, was jetzt, unmittelbar ist. Es handelt sich um eine subjektive Sicht, die sich nicht beweisen l\u00e4sst oder jemand anderen zu erkl\u00e4ren ist. Wir m\u00fcssen nur unsere Aufmerksamkeit umkehren.<\/p>\n<p>Das scheint schlicht, doch es ist folgenschwer. Es gibt Menschen, deren Selbst- und Weltbild dadurch zusammengebrochen ist. F\u00fcr manche ist es schmerzhaft zu erkennen, dass sie ein Leben lang auf der falschen Spur waren oder ihre ganzen Bem\u00fchungen nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren. Letztendlich, wenn die Bereitschaft w\u00e4chst zu sehen, stellt sich Lebensfreude, Leichtigkeit, ein stilles Erstaunen oder so etwas in der Art ein.<\/p>\n<p>Meistens stellt sich das Erkennen sofort ein. Es ist nicht m\u00f6glich, es St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu bekommen. Wenn es da ist, ist es ganz da. Und wenn es einmal gesehen wurde, gibt es keine Zweifel mehr und es ist leicht wiederzufinden. Der Verstand versucht dagegen zu argumentieren. Das kann es nicht sein. Zu einfach. Es ist eine Sinnest\u00e4uschung. Das soll ich sein? Verlassen Sie sich auf Ihre unmittelbare Wahrnehmung. Dies ist Ihre Realit\u00e4t. Gedanken sind lediglich eine Erscheinung darin. Da unser wahres Sein so offensichtlich ist, ist nat\u00fcrlich auch das Mittel, dessen wir uns bedienen sehr simpel. Also los:<\/p>\n<h3>Klares Sehen<\/h3>\n<p>Lesen Sie die Anleitung zu diesem Experiment zuerst und f\u00fchren Sie sie dann durch.<\/p>\n<p>Anleitung:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Am besten, Sie setzen sich hin. Zeigen Sie mit Ihrem Zeigefinger auf einen beliebigen Gegenstand vor Ihnen. Der Zeigefinger unterst\u00fctzt bei diesem Experiment die Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Sp\u00e4ter brauchen Sie ihn nicht mehr. Schauen Sie sich den Gegenstand an. Sehen Sie seine Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che.W\u00e4hlen Sie nun einen anderen Gegenstand. Zeigen Sie mit Ihrem Finger darauf. Schauen Sie sich den Gegenstand an. Sehen Sie seine Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che. Nun zeigen Sie auf den Fu\u00dfboden. Sehen Sie seine Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che. Nun zeigen Sie auf einen Ihrer F\u00fc\u00dfe. Sehen Sie ihre Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che. Zeigen Sie auf eines Ihrer Knie. Sehen Sie seine Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che. Zeigen Sie nun auf Ihren Bauch. Sehen Sie seine Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che. Zeigen Sie auf Ihre Brust. Sehen Sie ihre Form, Farbe, Struktur und Oberfl\u00e4che.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Nun zeigen Sie bitte dorthin, wo andere Ihr Gesicht sehen. Was nehmen Sie dort wahr? Gibt es hier eine Form? Eine Struktur? Eine Oberfl\u00e4che? Eine Farbe? Stellen Sie sich nicht vor, was andere dort sehen. Erinnern Sie sich nicht, was Sie im Spiegel sehen. Was ist genau jetzt aus Ihrer unmittelbaren Wahrnehmung dort, wo andere Ihr Gesicht sehen? Schauen Sie. Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit, die \u00fcblicherweise von innen nach au\u00dfen gerichtet ist, um 180\u00b0 um. Was sehen Sie?<\/em><\/p>\n<p>Ich sehe dort Nichts. Leere. Einen offenen, wahrnehmenden Raum. Gewahrsein. Erlauben Sie sich dies auch zu sehen. Bei jedem Menschen ist das so. Das ist es. Das sind Sie. Leerer, gewahrer Raum. Stille. Das ist Ihr wahres Wesen. Niemand da. Keiner zu Hause. Lassen Sie sich Zeit. Genie\u00dfen Sie dieses neue Gewahrsein von sich selber.<\/p>\n<p>Ich gehe davon aus, dass Sie Erleichterung sp\u00fcren. Vielleicht eine stille Freude. Wahrscheinlich sind sogar Ihre Gedanken zum Erliegen gekommen. Sie sind einfach gewahr. M\u00f6glicherweise erscheint Ihnen Ihre Umgebung bunter, lebendiger und friedlicher. Falls Sie den Raum nicht halten k\u00f6nnen, wiederholen Sie das Experiment einfach immer wieder. Jedes Mal wir Ihnen klarer, um was es geht. Jedes Mal erweitert sich Ihr Verst\u00e4ndnis und der Raum wird weiter.<\/p>\n<p>Im Verstand entstehen viele Fragen. Sehen Sie. Mehr ist nicht n\u00f6tig. Und f\u00fchlen Sie, wie sich das Sehen anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Experiment: Nehmen Sie eine Pappr\u00f6hre, auf der Alufolie oder Haushaltspapiert\u00fccher aufgewickelt waren. Mit der R\u00f6hre ist es leichter, die Aufmerksamkeit umzukehren. Halten Sie sich die R\u00f6hre vor ein Auge und schlie\u00dfen Sie das andere. Schauen Sie. An dem einen Ende der R\u00f6hre sehen sie einen kleinen Ausschnitt Ihrer Umgebung. Was sehen Sie an Ihrem Ende? Leere. Nichts.<\/p>\n<p>Oder nehmen Sie eine Papiert\u00fcte. Schneiden Sie den Boden heraus. Setzen Sie sich die T\u00fcte auf Ihr Gesicht und bitten Sie einen Freund oder eine Freundin, sein Gesicht in das andere Ende der T\u00fcte zu stecken. Wie viele Gesichter sehen Sie in der T\u00fcte? Was ist an Ihrem Ende der T\u00fcte? Gesicht zu Nichtgesicht.<\/p>\n<p>Ist das nicht erstaunlich? Ist das nicht der Hammer schlechthin? Naja, Ihr aufgekl\u00e4rter, konditionierter Verstand mag sich schwer tun. Doch erkennen Sie, dass Ihr Verstand und diese Gedanken lediglich spontane Erscheinungen in dem Raum sind, den sie soeben entdeckt haben.<\/p>\n<p>Dieser Raum hat nichts mit dem Sehsinn zu tun, den wir als Zugang zu ihm benutzen. Seien Sie sich des Raumes gewahr, indem Sie die Aufmerksamkeit umkehren. Wenn Sie sich des Raumes gewahr sind, schlie\u00dfen Sie die Augen. Nun versuchen Sie herauszufinden, wo dieser Raum seine Grenzen hat. M\u00f6glicherweise haben Sie den Eindruck, die Grenzen stimmen mit Ihren K\u00f6rpergrenzen, der Haut, \u00fcberein. Das ist Konditionierung. Schauen Sie noch einmal hin. Genau. Der Raum ist grenzenlos. Befinden sich nicht nur Ihre K\u00f6rperempfindungen, sondern auch alle Ger\u00e4usche in diesem Raum? Nun \u00f6ffnen Sie wieder Ihre Augen. Befindet sich nicht sogar alles, was Sie sehen, in diesem Raum? Leere gef\u00fcllt mit Allem. In Ihrem wahren Sein sind Sie all das. Ganzheit.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das weicht etwas von unserer normalen Sicht der Dinge ab. Das ist zun\u00e4chst etwas fremd. Wenn es Ihnen nicht gef\u00e4llt vergessen Sie es wieder (falls das geht), ansonsten richten Sie einfach immer wieder Ihre Aufmerksamkeit auf den Raum. Was ist das, was Sie bisher als Ihre Person betrachtet haben?<\/p>\n<h3>Zweiwegesehen<\/h3>\n<p>Nun erweitern wir das erste Experiment ein klein wenig. Zeigen Sie mit einem Zeigefinger auf einen Gegenstand in Ihrer Umgebung. Betrachten Sie seine Form, Oberfl\u00e4che, Farbe und so weiter. Nun zeigen Sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand dahin, wo andere Ihr Gesicht sehen. Vergegenw\u00e4rtigen Sie sich den leeren, gewahren Raum. Nun halten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf beides: den Gegenstand und auf den leeren, gewahren Raum. Nun nehmen Sie die Zeigefinger weg. Seinen Sie sich dessen gewahr, was Sie alles sehen und halten Sie die Aufmerksamkeit auf den leeren Raum. Verringern Sie die Anstrengung, mit der Sie das tun. Es ist m\u00fchelos. Es war schon immer so. Nur waren Sie sich nicht klar, wer sieht. Sie dachten, es sei die Person gewesen. Seien Sie sich bewusst, bewusst zu sein. F\u00fchlt sich das nicht sehr lebendig an?<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen dies auch tun, w\u00e4hrend Sie diesen Text lesen. Schauen Sie auf Ihren Monitor oder den Ausdruck in Ihrer Hand. Nun richten Sie Ihre Aufmerksamkeit in die umgekehrte Richtung und seien Sie sich gleichzeitig des Raumes gewahr.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen das Zweiwegesehen immer haben. Zum Beispiel, wenn Sie mit anderen Menschen zusammen sind. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Menschen vor Ihnen und seien Sie sich des leeren Raumes gewahr. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig nach innen und au\u00dfen. Wie viele Menschen sind in dem Raum? Nicht objektiv, sondern aus Ihrer ganz privaten Sicht? Falls Sie sich streiten, wer streitet sich mit wem, w\u00e4hrend Sie klar sehen?<\/p>\n<p>Nun, wer oder was sind Sie? Wo sind Sie? Ist das nicht wundervoll? Das ist der ultimative, ewige, grenzenlose Standpunkt, aus dem heraus sich alle Erscheinungen entfalten. Was meinen Sie? Hat jeder Mensch seinen eigenen gewahren Raum? Nat\u00fcrlich nicht. Alles und jeder, der wahrnimmt, tut dies aus diesem einen gewahren Raum heraus.<\/p>\n<p>Ihre Konditionierungen werden Sie immer wieder in die Person zur\u00fcckziehen. Gerade in emotional geladenen Situationen. Wenn Sie sich jedoch immer wieder an den ultimativen Standpunkt, den leeren Raum erinnern und sich in ihn versetzen, wird er zu Ihrer nat\u00fcrlichen Daseinsform. Ihre Umgebung wird sich magisch ver\u00e4ndern. Wie wir wissen, ist unsere Umgebung ein unmittelbarer Spiegel unserer \u00dcberzeugungen. Was ist, wenn da keine \u00dcberzeugungen, keine Gedanken, keine Bewertungen mehr sind?<\/p>\n<p>Klares Sehen ist keine Befreiung, denn es ist noch jemand da, der klar sieht. Es ist aber so nah dran, wie es vom Standpunkt der Person \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Versuchen Sie folgendes: Aktivieren Sie Ihr Zweiwegesehen. Lassen Sie nun denjenigen los, der sieht. Ok, gut, ich wei\u00df, kann nicht klappen. Die Person kann eben gar nichts tun. Wie k\u00f6nnte eine Vorstellung sich selbst loslassen? Einen Versuch war es aber wert, oder? Und wer wei\u00df, vielleicht irgendwann\u2026<\/p>\n<p>Es ist nicht n\u00f6tig, ja sogar unm\u00f6glich, das Ego zu \u00fcberwinden. Ihr Ego ist eine beliebige, unpers\u00f6nliche Erscheinung im gewahren Raum, wie alle anderen Erscheinungen auch. Der gewahre Raum integriert alles. Sie wissen nun, wer sie wirklich sind. Das Klare Sehen ist ein wunderbarer Weg, um zu erkennen, wer wir wirklich sind und um unsere wahre Natur zu erleben. Im n\u00e4chsten Artikel befassen wir uns damit, welche Folgen das Klaren Sehens f\u00fcr unser Selbstverst\u00e4ndnis hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wir im letzten Artikel gesehen haben, hat die Person es nicht im Griff Befreiung zu erreichen. Die Person, es ist ihre Natur, versteht sich von ihrer Umwelt getrennt. Sie kann nicht anders. Dieser Umstand ist, wie die Person selber, eine Vorstellung, ein Gedanke, eine Idee. Mehr nicht. 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